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Blickfeld Cube 1 LiDAR-Sensor an der Küste North Carolinas, wo Dr. Ryan Mieras und sein Team von der University of North Carolina Wilmington die Auswirkungen von Stürmen auf die Küste erforschen, um eine Fernmessplattform zu entwickeln.

Blickfeld: „Es ist wichtig, sich fast jeden Tag neu zu erfinden.“

Das Münchner Start-up Blickfeld produziert LiDAR-Sensoren und sogenannte Wahrnehmungssoftware. Die Lösungen ermöglichen neben dem autonomen Fahren zahlreiche weitere Anwendungen. Mitgründer Florian Petit hat uns erzählt, wie ein Unternehmen in einer sich rasant verändernden Branche nachhaltig wachsen kann und wieso man immer offen für Neues sein sollte.

Florian, welche Faktoren muss man beim Aufbau eines Teams beachten?  

Die erste wichtige Erkenntnis ist, dass man nicht alles alleine machen kann. Vor allem am Anfang sind so viele Baustellen offen, die man nicht alle gleichzeitig abarbeiten kann und niemand weiß, wie es wirklich funktioniert. Wir geben unseren Mitarbeitenden den Raum, das herauszufinden und empowern sie, Probleme eigenständig zu lösen. Außerdem ist Diversität im Team generell sehr relevant, weil jede Person unterschiedliche Aspekte in ein Projekt mitbringt. Vor allem braucht es aber ein starkes Netzwerk und die entsprechenden finanziellen Mittel, um an gute Leute, die auch ins Team passen, zu kommen.

Gestaltet sich denn die Suche nach Investorinnen und Investoren in eurer Branche einfacher als in anderen Bereichen? 

Bei Blickfeld handelt es sich um ein DeepTech Unternehmen, das heißt, man muss viel Ressourcen in die Entwicklung stecken, bevor man überhaupt zum fertigen Produkt kommt. Dafür braucht es Anfangsinvestitionen und hier spielen mehrere Dinge zusammen: Zur Zeit unserer Gründung war das Interesse an sensorischer Umwelterfassung sehr groß. Es war klar, dass das autonome Fahren kommen wird und das hat öffentliches Interesse geweckt, was umgekehrt natürlich wieder Investorinnen und Investoren angezogen hat. Man muss aber auch lernen, wie Investierende denken, was ihnen wichtig ist und wie man sich selbst positioniert.

„Im Prinzip ist es in jedem neuen Land so, als würde man noch ein Start-up gründen, mit allen Schwierigkeiten, die damit einhergehen.“

Ihr seid gerade erst in die USA expandiert. Ab wann macht es Sinn, sich über eine Internationalisierung Gedanken zu machen?

Wenn man einen großen Binnenmarkt hat, ist es leichter, in diesem auch zu bleiben. Unsere Technologie kommt zum Beispiel bei der Personenzählung an Flughäfen zum Einsatz. Sieht man sich aber an, wie viele Flughäfen es in Deutschland gibt, dann ist die maximale Kundenzahl schnell erreicht. Der Schritt in die USA lag also nahe – das ist aber noch mal eine ganz andere Herausforderung. Im Prinzip ist es in jedem neuen Land so, als würde man noch ein Start-up gründen, mit allen Schwierigkeiten, die damit einhergehen: steuer- und gesellschaftsrechtliche Aspekte, Sales & Marketing Themen, komplexere Logistik usw. Das ist sehr arbeits- und kostenintensiv, zudem hängt der Erfolg des Unternehmens dann immer stärker von äußeren Faktoren und Stakeholdern ab.

Hast du hierfür ein Beispiel?

Bei der Strukturierung einer Firma spricht man mit Leuten mehr oder weniger intern. Außerdem kennt man die Gegebenheiten seines Herkunftslandes, besser. Ist man aber vom Staat, von der Regierung oder vom Finanzamt im Ausland abhängig, dann ist das eine Sache, die man nicht mehr alleine in der Hand hat. Deutschland ist weltweit in der Exportindustrie bekannt, das heißt, Start-ups von hier haben ein gewisses Standing in anderen Ländern und das macht es natürlich leichter. Man muss sich aber Zeit nehmen und sich darüber bewusst sein, dass es einiges an Ressourcen braucht. Aber es ist auf jeden Fall machbar und die Mühe kann sich am Ende lohnen.

„Neue Impulse aufzunehmen, eine Strategie zu erstellen und die dann auch umzusetzen, ist eine total spannende Aufgabe.“

Der Bereich der Umwelterfassung befindet sich wahrscheinlich in einem ständigen Wandel: Strukturen müssen angepasst, Mitarbeitende geschult werden … Wie geht man damit um?

Tatsächlich entwickelt sich dieser Bereich von Tag zu Tag, insbesondere wenn es um neue Anwendungsfelder der LiDAR-Technologie geht. Wir hatten früher einen starken Fokus auf Hardware. Heute konzentrieren wir uns eher auf die Funktionsweise hinter dem Produkt, damit wir Endkunden bereits angereicherte Daten bieten können. Eine Software also, die sozusagen eine Intelligenz hinter die Hardware packt. Zu verstehen, was die Endkunden wirklich brauchen und eine für sie passende Lösung anbieten, das ist eine Sache, da stehen wir noch ganz am Anfang. Das gibt uns viel Gestaltungsspielraum. Wir haben früh erkannt, dass unsere LiDAR-Technologie extrem komplex ist, Teilprobleme sehr herausfordernd sind und wir deswegen als Team schnell wachsen müssen. 

Kann man denn überhaupt so etwas wie einen längerfristigen Plan erstellen, wenn man wie ihr in einer sich so rasant veränderten Branche arbeitet? 

Einen Plan zu erstellen, hilft schon, auch wenn man ihn nach einem halben Jahr anpassen muss. Zu überlegen, wo es generell hingehen könnte und wo es sinnvoll ist zu investieren, ist auf jeden Fall wichtig. Neue Impulse aufzunehmen, eine Strategie zu erstellen und die dann auch umzusetzen, ist eine total spannende Aufgabe, weil man noch viel Gestaltungsraum hat. Hier muss man viel miteinander reden, interagieren und auch nach außen schauen was passiert – dann wird man jeden Tag überrascht. Aber das motiviert auch das ganze Unternehmen, weil es einfach toll ist zu sehen, was man aus seiner Idee machen kann und wie die eigene Technologie anderen Leuten nützt. 

„Man braucht eine Vision und die Vorstellung davon, was Leuten nützt.“

Das wirkt von außen, als Laie betrachtet, fast ein wenig wie eine Blackbox … 

Genau das ist für uns das Faszinierende: Man startet mit dem autonomen Fahren und weiß: Klar, da braucht man so einen Sensor, der das Umfeld erfasst. Aber hätte mir jemand zu Beginn gesagt, dass unsere Sensoren international in Hallen von Mineralgutherstellern hängen und dort Schüttgut erfassen oder zur Wellenmessung in North Carolina verwendet werden, hätte ich mir das nicht vorstellen können. Es ist auch für mich immer wieder ein Aha-Erlebnis, wie viel Potenzial hinter unserer Technologie steckt und wie sich verschiedene Use Cases entwickeln. 

Welchen Tipp kannst du Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer mit auf ihren Weg geben? 

Es gibt eine ganz substanzielle Sache und hier bin ich auch meinen Mitgründern sehr dankbar: Es war uns immer klar, dass wir eine gute Idee brauchen und diese auch sehr gut verstehen müssen, weil einfach viel Gegenwind kommt. Seien es Regularien, Herausforderungen bei der Produktentwicklung oder eben die Unberechenbarkeit des Marktes. Man braucht eine Vision und die Vorstellung davon, was Leuten nützt. Nur so kann man Durchhaltevermögen und das notwendige Maß an Resilienz aufbringen, um anfängliche Probleme durchzustehen.