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Wasserstoff flüssig und ohne Druck lagern und speichern – das macht das Unternehmen von Dr. Daniel Teichmann möglich. © Hydrogenious LOHC Technologies

Wasserstoff als Erdöl eines regenerativen Energie-Zeitalters?

Erneuerbare Energien sicher speichern, transportieren und in großem Stil effizient nutzen – das ist eine der ganz großen Herausforderungen bei der Weiterentwicklung aktueller Klimatechnologien. Neben Sonnen-, Wind- und Wasserkraft wird – wenn auch noch nicht mit derselben öffentlichen Aufmerksamkeit – das Thema Wasserstoff zum Beispiel als Antrieb von Hybridfahrzeugen diskutiert. Die Herausforderung: Wasserstoff ist leicht brennbar. Bisher wird er meist als Gas unter hohen Drücken in großen Tanks gelagert und ans Tankstellennetz transportiert. Das ist nicht nur mit hohem Sicherheitsaufwand verbunden, sondern auch sehr teuer und für die alltägliche Nutzung nur wenig geeignet. Das Erlanger Unternehmen Hydrogenious LOHC Technologies löst eine Herausforderung im Umgang mit Wasserstoff – nämlich dessen schwierige Speicherung und Handhabung in Gasform. 2013 als Spin-off der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Ziel gegründet, spannende Forschungsergebnisse in konkrete Produkte und kommerzielle Anwendungen zu überführen, beschäftigt es heute 70 Mitarbeiter.

Daniel, was macht Hydrogenious LOHC Technologies?

Hydrogenious LOHC Technologies bietet eine Lösung für die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Logistik von Wasserstoff.  Wir benutzen ein flüssiges Wasserstoffträgermaterial, ein Öl, mit dem sich sehr große Mengen Wasserstoff speichern lassen.  Dabei wird der Wasserstoff chemisch an die Trägerflüssigkeit gebunden und lässt sich so unter Umgebungsbedingungen in der bestehenden Kraftstoffinfrastruktur transportieren und speichern. Das Wasserstoffträgermaterial LOHC (Liquid Organic Hydrogen Carrier) ist – auch mit Wasserstoff beladen – äußerst schwer entflammbar und nicht explosiv. Damit kann die Wasserstofflogistik sicher und ohne großen Aufwand abgewickelt werden. LOHC können dadurch einfach und sicher in der bestehenden Infrastruktur für flüssige Kraftstoffe gelagert und transportiert werden und vereinfachen damit Wasserstofflogistik enorm.

Wie läuft das konkret ab?

An der „Wasserstoffquelle“, idealerweise grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, wird das Gas in unseren Anlagen im LOHC gespeichert und kann dann mit üblichen Tanklastwagen, -zügen und -schiffen transportiert und in bestehenden Kraftstofftanks gelagert werden. Mit den Freisetzungsanlagen kann der Wasserstoff bei den Endabnehmern aus dem LOHC-Öl bei Bedarf wieder herausgelöst werden. Das Ganze funktioniert, ohne die Trägerflüssigkeit zu verbrauchen. Sie lässt sich in einem Kreislauf immer wieder von Neuem mit Wasserstoff beladen. Zudem hat das Öl eine sehr hohe Wasserstoffspeicherdichte von 57 kg Wasserstoff pro Kubikmeter LOHC und ist damit anderen Wasserstoffspeichertechnologien überlegen. Um die Mengen zu verdeutlichen: Ein Wasserstoffauto, zum Beispiel ein Hyundai Nexo, verbraucht etwa 1 kg Wasserstoff auf 100 Kilometer.

Was ist das Potential eurer Technologie – wo wollt ihr damit hin?

Wir sind überzeugt, dass regenerativ erzeugter Wasserstoff in Zukunft einen wichtigen Grundpfeiler unseres Energiesystems darstellen und entsprechend in großen Mengen gehandhabt und transportiert werden muss. Unsere Technologie ermöglicht eine einfache und sichere Speicherung unter Nutzung der bestehenden und über mehr als hundert Jahre erprobten Infrastruktur für flüssige Kraftstoffe. Mit LOHC ist auch der Langstrecken-Transport über See einfach möglich, wodurch auch ein globaler Handel von Energie, bspw. aus Regionen mit besonders hohem Potential für regenerative Energien wie Nordafrika oder Skandinavien Realität wird. Auf Kundenseite senkt LOHC die Bereitstellungskosten für Wasserstoff aufgrund der beschriebenen Vorteile deutlich und ermöglicht eine Versorgung großer Industrieprozesse wie auch einer Wasserstoff-basierten Mobilität. Unser Ziel ist es, mit Hilfe unserer Technologie Wasserstoff zum Erdöl eines regenerativen Energie-Zeitalters zu machen.

Wo steht Hydrogenious LOHC Technologies aktuell in seiner Entwicklung – und welche Themen wollt ihr mit dem frisch aufgenommenen Kapital angehen?

Bereits im Verlauf der vergangenen Jahre konnten wir zusammen mit unseren Kunden und Partnern eine Reihe an Demonstrationsprojekten erfolgreich im Feld aufbauen und betreiben, zum Beispiel in den USA und in Deutschland. Damit konnten wir zeigen, dass die Technologie funktioniert und haben viel Betriebserfahrung gesammelt. Unser nächster Schritt ist nun die Skalierung und Industrialisierung unserer Technologie. Hierfür konnten wir in den letzten Monaten wichtige Partner wie MAN Energy Solutions, Frames, Vopak und Covestro gewinnen. Gemeinsam mit diesen Partnern wollen wir die ersten Großanlagen mit bis zu 12 Tonnen Wasserstoff pro Tag aufbauen und betreiben. Mit dem eingespeicherten Wasserstoff werden wir sowohl Industrie- als auch Mobilitätsanwendungen beliefern. Alles in allem ist das Ziel, innerhalb der nächsten Jahre den Sprung von Demoanlagen zu großen industriellen Projekten zu meistern – aufgrund des sehr hohen gesellschaftlichen Interesses an Wasserstoff und dem tollen Commitment unserer Partner und Mitarbeiter, bin ich fest davon überzeugt, dass uns dies gelingen wird. Hierfür dient auch das gerade eingesammelte Kapital.

Mit welchen Herausforderungen hattet ihr besonders zu kämpfen?

Jeder Gründer weiß, dass die Finanzierung von jungen Unternehmen nicht ganz einfach ist, gerade in einem Land wie Deutschland, wo Wagniskapital nicht sehr verbreitet ist. Die Suche nach Kapital und den passenden Investoren ist deshalb immer eine der Hauptaufgaben eines jeden Gründers. Wir haben glücklicherweise schon 2014 den britischen Technologie-Investor AP-Ventures gewinnen können, der uns über die letzten fünf Jahre sehr eng begleitet hat. Besonders stolz sind wir auch auf unsere jüngste Finanzierungsrunde im Juli 2019. Die Tatsache, dass große und namhafte Unternehmen in Hydrogenious LOHC Technologies investiert haben (Royal Vopak, Mitsubishi Corporation, Covestro AG und AP Ventures), ist eine Bestätigung unserer Arbeit und Bestrebungen.

Eine weitere Herausforderung war sicherlich, dass es gerade in Europa sehr lange gedauert hat, bis Wasserstoff nun endlich eine hohe Aufmerksamkeit auf Seiten der Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft erlangen konnte. In Asien beispielsweise hat dieser Fokus schon etwa 3 Jahre früher eingesetzt. Nun nimmt aber auch Europa kräftig Fahrt auf und es vergeht kaum eine Woche ohne spannende Neuigkeiten auf diesem Gebiet.

Einer der erfreulichsten Aspekte für einen Firmengründer ist es sicherlich, das Wachstum der eigenen Firma von einem Frühphasen-Start-up zu einem jungen Unternehmen in allererster Reihe mitzuerleben. Das erste Jahr nach Gründung lag unsere Mitarbeiterzahl noch bei eins – der Gründer - und der Fokus lag auf dem Businessplan und der Finanzierung. Dann erfolgte der Schritt in eigene Räumlichkeiten und ein Rumpf-Team von 5 Mitarbeitern hat die Arbeit in einer damals komplett leeren Werkshalle aufgenommen. Heute sind wir 70 Mitarbeiter und trotz bereits erfolgter Erweiterung werden unsere Büros schon bald wieder zu klein.

Wie seid ihr in eurer Region vernetzt?

Als Uni-Ausgründung sind wir selbstverständlich in erster Linie ganz eng mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verbunden. Viele unserer exzellenten Ingenieure sind Absolventen der FAU. Als Technologiepartner konnten wir dieses Jahr das Forschungszentrum Jülich und damit auch das Helmholtz Institut Erlangen-Nürnberg für Erneuerbare Energien gewinnen. Wir sind in der Region aber auch mit großen Unternehmen gut vernetzt. Anfang 2019 haben wir einen Kooperationsvertrag mit Framatome (ehem. Areva) unterzeichnet. Framatome hat großes Interesse selbst Anlagen für die LOHC Wasserstofflogistik herzustellen und das auf Grundlage unserer Technologie und IP. Generell ist die Region Erlangen/Nürnberg im Bereich Wasserstoff sehr stark und nimmt innerhalb Bayerns und auch Deutschlands eine wichtige Rolle ein. Gerade erst hat der Freistaat Bayern das Zentrum Wasserstoff Bayern mit Standort Nürnberg ins Leben gerufen. Über diese Institution, die u.a. von unserem Mitgründer Peter Wasserscheid geleitet wird, sollen die weiteren Wasserstoffaktivitäten des Freistaates koordiniert und geplant werden. Hydrogenious LOHC Technologies ist hierbei eines der Gründungsmitglieder des sogenannten bayerischen Wasserstoffbündnisses.

„Technologie und Wissenschaft sind sicherlich die Basis für die Gründung, aber ab da an geht es stark darum, aus diesem Wissen ein Produkt zu machen.“

Worauf müssen Gründer besonders achten, die als Studierende oder wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Universität heraus gründen wollen?

Besonders wichtig ist es, den Sprung von der rein wissenschaftlichen Herangehensweise zur kommerziellen zu schaffen und dabei die Weiterentwicklung des Produktes nicht aus den Augen zu lassen. Dieser Wandel des Fokus von einem Forschenden hin zu einem Markt- und Anwendungsbasierten ist sicher der wichtigste, aber auch der herausforderndste. Vor diesem Hintergrund halte ich auch unsere damalige Entscheidung, sehr früh das universitäre Umfeld und Räumlichkeiten zu verlassen, für wichtig. Technologie und Wissenschaft sind sicherlich die Basis für die Gründung, aber ab da an geht es stark darum, aus diesem Wissen ein Produkt zu machen. Daher muss man die wissenschaftliche Perspektive zu einem gewissen Grad hinter sich lassen und hierbei hilft sicherlich auch die räumliche Distanz. Ebenso braucht man eine gute Durchmischung auf Seiten der Mitarbeiter – einem Team allein aus promovierten Ingenieuren würde sicherlich der Praxisbezug und die Nähe zur Anwendung fehlen. Letztendlich ist die Herausforderung, eine gute Balance zwischen diesen Polen zu finden, also auch im späteren Firmenverlauf die Kompetenzen der Universität zu nutzen und sich immer weiter zu verbessern, aber eben gleichzeitig auch keinen Zweifel daran zu lassen, dass technische Entwicklung kein Selbstzweck ist, sondern allein dem kommerziellen Erfolg dient.

Gib es besondere Anlaufstellen, die euch bei der Gründung besonders geholfen oder weitergebracht haben?

Wir haben uns gerade zu Beginn stark des Angebots des Businessplan Wettbewerb Nordbayern bedient. Das systematische Herangehen an die Erstellung eines Businessplans, das Feedback durch Mentoren und Juroren und nicht zuletzt die mit den Auszeichnungen verbundene Öffentlichkeitswirkung haben uns gerade in der Anfangszeit sehr geholfen. Die Preise im Regal, die positive Berichterstattung und die gemachten Erfahrungen beim Pitchen und Präsentieren des Konzepts haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, dass wir eine umfangreiche Finanzierung erfolgreich einwerben konnten.

www.hydrogenious.net

© Hydrogenious LOHC Technologies
© Hydrogenious LOHC Technologies
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